ABIS – eine Familie und ihr Lebensprojekt, ein Interview

Seit Jahren schon träumen wir bei Rainman’s Home von einem Standort im Grünen. Unabhängig davon begab sich vor sechs Jahren auch die Familie Piller auf die Suche nach einem Platz, der unter anderem dem eigenen Sohn im Autismus Spektrum ein adäquates und naturnahes Umfeld bieten sollte. Ein Glücksfall führte uns im März 2020 das erste Mal  zusammen. Über die Vision, die Entstehung und die Ziele des ABIS erzählt uns Sonja Piller, Mutter von drei Kindern, Physiotherapeutin und gemeinsam mit ihrer Familie Initiatorin des ABIS, in einem Interview.

Liebe Frau Piller, Sie beschreiben das Projekt „ABIS“ als gemeinschaftliches Lebensprojekt Ihrer ganzen Familie. Wie kam es zu der Idee?

Als Stephan die Schulpflicht erfüllt hatte, kam unweigerlich die Frage auf, was nun? Am ersten und zweiten Arbeitsmarkt gibt es für ihn keine reellen Chancen, eine gleichförmige Arbeit in einer Werkstätte kam auch nicht in Frage. Der Gedanke, in und mit der Natur zu arbeiten, war hingegen schon immer vorhanden. Stephan war immer schon gerne in der Natur unterwegs. Die Bewegung und körperliche Betätigung in der Natur haben ihm und uns schon oft in schwierigen Situationen geholfen.

Da wir jedoch kein Angebot in diese Richtung gefunden haben, das unseren Vorstellungen entsprochen hätte, ist der Gedanke eines eigenen Projekts – eine kleine Gärtnerei – in unseren Köpfen immer reeller geworden. Und wir machten uns auf die Suche nach einem geeigneten Platz. Durch Zufall und mit ein wenig Glück haben wir dann vor sechs Jahren den jetzigen Standort gefunden und erworben. Einen vor 70 Jahren aufgelassenen Steinbruch – ein Naturjuwel mit idealen Bedingungen.

Trotz der langjährigen Planungsphase, in der das Fortschreiten des Projektes immer wieder verzögert oder erschwert wurde, haben Sie und Ihre Familie nicht aufgegeben und an Ihrem Ziel festgehalten. Was hat Ihnen die Kraft dazu gegeben?

Jeder, der ein solch großes Bauvorhaben plant, kennt die Mühlen der Bürokratie und die Zeit, die es braucht, um ein solches Projekt umzusetzen. Gut Ding braucht eben Weile. Eine gute Planung und Vorbereitung sind von großer Wichtigkeit. Die Kraft dazu hat uns die grundlegende Vision und unser Ziel am Ende gegeben.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Rainman’s Home?

Die Geschichte von Rainmans Home haben wir schon immer interessiert beobachtet. Da der Verein nur Tagesstrukturen betreibt, hatte er bis dahin in Bezug auf unseren Sohn noch keine Relevanz für uns. Als die Tochter einer sehr guten Freundin von uns bei Rainman‘s Home begonnen hat, haben wir angefragt, ob grundsätzlich ein Interesse an einer Zusammenarbeit des Vereins mit uns bestehen würde. Das erste Treffen erfolgte unmittelbar vor dem ersten Lockdown – eines ergab sich ins andere. Unser Sohn hat nach dem Lockdown in die Teschnergasse gewechselt. Das Knowhow und die jahrelange Erfahrung des Vereins in der Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen sind eine wertvolle und unverzichtbare Ergänzung. Und natürlich das gegenseitige Vertrauen, die Wertschätzung und Sympathie.

Was wünschen oder erwarten Sie sich persönlich vom Projekt „ABIS“, für seine Entwicklung und Zukunft?

Im Laufe des Lebens merkt man, dass man als Familie nicht genug ist, nicht genug sein kann. Betroffene Kinder brauchen Freunde und eine „Arbeitswelt“, die sie fördert, aber nicht überfordert, wo sie gerne arbeiten und Spaß und Freude miteinander haben. Gemeinsames Anpflanzen, Pflegen, Ernten, Verarbeiten, Basteln, Holzarbeiten, Errichten, Instand halten – Unendliche Möglichkeiten. Das Projekt soll unserem Sohn und hoffentlich auch anderen Betroffenen, die die Natur lieben, genau das bieten und ermöglichen.

Das Projekt „ABIS“ hat sich zu einem Lebensprojekt für unsere ganze Familie entwickelt. „ABIS“ bedeutet genau das, wofür es steht – nämlich „Aufblühen im Steinbruch“ – im doppelten Sinn. Der Gedanke, das Beste aus jeder Person zu holen und auch das zu fördern, was jede Person kann und mag, sollte das Ziel sein. Wir wollen so vielen Betroffenen eine sinnvolle und sichere Beschäftigung bieten.

Stephans Bruder macht gerade seinen Master in Psychologie. Neben der Tagesstruktur, wird gleichzeitig ein zweites Haus gebaut, wo ein eigenständiges psychosoziales Gesundheitszentrum „ABIS“ entstehen soll, das sich nicht nur, aber natürlich auch mit Autismus beschäftigen soll. Diagnostik – Aufklärungsarbeit – viele fühlen sich alleine gelassen – auch Eltern und Geschwisterbetreuung – alles in Kombination mit der positiven Wirkung der Natur im Hintergrund.

Oftmals hängt dies mit Tätigkeiten oder Arbeiten in der Natur zusammen. Gerade aus seiner Sicht, also der des Psychologen, merkt man, wie viele Möglichkeiten und wieviel Platz es nach oben gibt. Es geht immer mehr.

Aus eigener Erfahrung weiß er, dass eine Diagnose mit Autismus-Spektrum.Störung nicht einfach ist. Nicht nur die betroffene Person, sondern das gesamte Umfeld hat damit zu kämpfen. Deshalb möchte er eine Beratung und Hilfestellung auch für jene Personen, für Geschwistern, Eltern, Angehörige bieten, die diese ebenso nötig haben wie die Betroffenen selbst, und so gut wie möglich da helfen, wo Unterstützung gebraucht wird. Dahingehend gibt es einiges, was aufgeholt gehört. Es gibt einfach noch immer viel zu wenig Anlaufstellen und Angebote für Betroffene, aber eben auch für ihre Familien.

Sie unterstützen den Ansatz von „Green Care“ und planen auch tiergestützte Therapie im „ABIS“anzubieten. Was fasziniert Sie an diesem Ansatz?

Der „Green Care“ Gedanke bildet den Hintergrund des ganzen Projektes. Er umfasst ja grundsätzlich alle Maßnahmen und Interventionen, bei denen der Mensch mit der belebten und unbelebten Natur in Kontakt gebracht wird – ein großes Spektrum, zu dem unter anderem Gartentherapie, tiergestützte Therapie und Pädagogik aber auch Waldtherapie und soziale Landwirtschaft gehören. Die Natur bietet ein sinnvolles und vielfältiges Beschäftigungsangebot im Jahreskreislauf der Natur. Gleichbleibend- aber doch immer anders. Die positiven Effekte der Natur auf das Wohlbefinden und die Gesundheit sind gerade im letzten Jahr in allen Medien sichtbar. Wissenschaftliche Studien zeigen ihre positiven Auswirkungen im physiologischen, kognitiven, sozialen, und psychisch-emotionalen Bereich. Darüber könnte man stundenlang reden.

Ich selbst bin über meinen Quellberuf als Physiotherapeutin und Hippotherapeutin zum Masterstudium „Green Care“ gekommen. Für meine Masterarbeit habe ich eine kleine Studie über die Auswirkungen der Gartentherapie auf Menschen im Autismus-Spektum durchgeführt, die durch ihre Ergebnisse gezeigt hat, welches unglaubliche Potential in der Arbeit mit und in der Natur steckt.

Stephan hat seit früher Kindheit alle nur möglichen Therapien durchgemacht. Das Einzige, was er seit seinem achten Lebensjahr regelmäßig macht, ist heilpädagogische und therapeutische Förderung mit und durch das Pferd. Auch gehört seit seiner Geburt immer ein Hund zu unserer Familie, die ihn und uns in vielen schwierigen Situationen unterstützt haben. Tiere sind einfach vorurteilsfrei, werten nicht und können durch ihren natürlichen Instinkt und ihre non-verbale Kommunikation besondere Menschen oft besser erreichen. Ein ferneres Ziel für uns ist die Anschaffung von Hühnern und Schafen oder auch Alpakas. Vielleicht schleichen sich noch zwei bis drei kleine Therapieschweinchen dazu ein. Alles ist offen, die Möglichkeiten sind jedenfalls vorhanden.

Familien mit Kindern mit Autismus haben es oft schwer. Von der Diagnose bis zu der oft langwierigen Suche nach einem adäquaten Betreuungsplatz und professioneller Unterstützung. Welche Erfahrungen haben Sie und Ihre Familie nach der Diagnose gemacht?

Die Diagnosestellung bei unserem Sohn hat, wie bei vielen betroffenen Familien, eine Zeit lang gedauert. Stephan war das erste von drei Kindern und wir waren als Eltern selbst unerfahren und unsicher. Vom Land wurde uns Psychotherapie angeboten. Drei Jahre wöchentlich in die Märzstrasse – weil man ja als Mutter offenbar Schuld war am Verhalten des Sohnes – bildeten den Anfang. Ein weiteres Angebot war Ergotherapie – allerdings mit zwei Jahren Wartezeit! Ab der Diagnosestellung stand Eigeninitiative zur Förderung im Vordergrund. Mit vielen Therapien – man versucht natürlich auch Unkonventionelles – ging es weiter. Eine sehr engagierte Volksschullehrerin hat uns sehr geholfen – und das Glück, für Stephan mit 12 Jahren bei Frau. Mag. Muchitsch im ZASPE einen Platz zu bekommen.

Sie und Ihre Familie kennen die Sorgen und Nöte der Betroffenen und sie sind mit viel Engagement dabei, etwas Großartiges zu schaffen, um auch anderen Familien zu helfen. Was ist Ihr „Erfolgsrezept“?

Einfach nicht aufgeben – es gibt immer Schlimmeres. Und immer auch Visionen und ein Ziel vor Augen haben. Das unsere liegt in diesem Projekt, im ABIS. Wir haben unendlich viele Ideen, die es gilt langsam und gemeinsam nach und nach zu verwirklichen.

Liebe Frau Piller, vielen Dank für das Interview!

Mehr über das ABIS erfahren Sie HIER

 

 

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